
4 Ernährungsmythen über Kinderernährung: Eine wissenschaftliche Perspektive
Tim Klewin
Ernährungswissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
Zucker macht hyperaktiv, Fett ist grundsätzlich schlecht, Bio-Gemüse ist nährstoffreicher – diese und weitere Mythen halten sich hartnäckig. Wir haben die verbreitetsten Ernährungsmythen für Kinder unter die Lupe genommen und durch die Brille der Wissenschaft betrachtet.
Veröffentlicht: 11. April 2024
Heutzutage werden wir mit einer Flut von Informationen, Ratschlägen und Warnungen zu Ernährungsthemen konfrontiert. Besonders wenn es um die Ernährung unserer Kinder geht, möchten wir alles richtig machen. Doch wie unterscheidet man fundierte Erkenntnisse von gut gemeinten, aber letztlich unbegründeten Mythen? Von hyperaktiv machendem Zucker über die pauschale Verteufelung von Fetten – die Ernährungsmythen sind vielfältig und halten sich oft hartnäckig.
In diesem Artikel haben wir einige der verbreitetsten Ernährungsmythen unter die Lupe genommen und durch die Brille der Wissenschaft betrachtet.
Mythos 1: „Zucker macht Kinder hyperaktiv"
Einer der hartnäckigsten Mythen ist wohl der Glaube, dass Zucker Kinder hyperaktiv macht. Häufig machen wir die Beobachtung, dass Kinder nach dem Genuss von süßen Leckereien aufgedreht wirken. Doch ist dies mehr Schein als Sein?
Um es kurz zu sagen: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Zucker allein nicht die Ursache für Hyperaktivität ist. Intensive Forschungen konnten keinen direkten Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und gesteigerter Hyperaktivität bei Kindern feststellen. Es gibt jedoch Studien, die zumindest auf eine Beeinflussung des Adrenalinspiegels hindeuten – dies wäre aber nicht gleichzusetzen mit der allgemeinen Vorstellung von Hyperaktivität. [1]
Interessanterweise könnte die Erklärung für die scheinbare Zuckeraufregung auch im psychologischen Bereich liegen. Oft sind es gesellige Anlässe, die mit süßen Speisen einhergehen, bei denen die Kinder ohnehin schon in einer aufgeregten Stimmung sind. [2] Auch wenn dieser Mythos ein süßes Missverständnis ist, legitimiert dies in keinem Fall einen hohen Zuckerkonsum, da dieser nichtsdestotrotz mit anderen Gesundheitsproblemen wie Typ-2-Diabetes in Zusammenhang steht. [3]
Mythos 2: „Fett ist grundsätzlich schlecht für Kinder"
Auch dieser Mythos ist weit verbreitet. Dennoch zeichnet die Wissenschaft hier ein differenziertes Bild. Eine fettarme Ernährung wird sogar mit Adipositas in Verbindung gebracht: Die Streichung von Fett aus Lebensmitteln führt häufig dazu, dass Fett als Geschmacksträger durch raffinierte Kohlenhydrate ersetzt wird. Eine kohlenhydratreiche Ernährung kann das Hungergefühl steigern, den Stoffwechsel verlangsamen und Fettzellen dazu anregen, Kalorien zu speichern. [4]
Grundsätzlich sind Fette auch nicht per se schlecht. Sie sind insbesondere für Babys und Kleinkinder für das Wachstum und eine gerechte Entwicklung von großer Bedeutung. Daneben liefern sie die notwendige Energie für die Wachstumsphase und sind für die Aufnahme fettlöslicher Vitamine wie A, D, E und K essenziell. [5]
Dennoch bedeutet dies nicht, dass alle Fette gut sind. Transfette, wie sie häufig in hochverarbeiteten Lebensmitteln zu finden sind, stehen in Verbindung mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen. [6] Zusammenfassend: Es kommt auf die Menge und die Art des Fettes an. Ungesättigte Fette sollten bevorzugt werden, gesättigte Fettsäuren eher begrenzt.
Mythos 3: „Zu viel Obst ist schädlich für Kinder"
Dieser Mythos muss differenzierter betrachtet werden. Neben dem Zucker in Früchten sind auch wichtige Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien enthalten. So führen Ballaststoffe dazu, dass der Zucker im Körper langsamer ins Blut aufgenommen wird – der Insulinspiegel steigt nicht so abrupt an wie bei verarbeiteten Lebensmitteln mit Haushaltszucker.
Das Hauptaugenmerk des Mythos liegt auf „zu viel": Aufgrund des hohen Fructosegehalts sollte Obst in Maßen genossen werden – insbesondere in Form von Säften. Fructose wird über die Leber verarbeitet, und ein übermäßiger Konsum kann zur nicht-alkoholischen Fettleberkrankheit beitragen, neben Risiken wie Insulinresistenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. [7]
Es wird empfohlen, reine Fruchtsäfte für Kinder nur gelegentlich anzubieten und diese vorzugsweise als Schorle – verdünnt mit mindestens 50 % Wasser – zu servieren. Ganze Früchte sind aufgrund ihres Ballaststoffgehalts und vollständigen Nährstoffprofils die gesündere Wahl. [8]
Mythos 4: „Bio-Gemüse ist nährstoffreicher als konventionelles Gemüse"
Eine umfassende Studie hat dies bereits widerlegt und fand keinen signifikanten Unterschied zwischen dem Vitamingehalt von Bio-Gemüse und konventionell angebautem Gemüse. [9]
Es stimmt, dass Bio-Produkte tendenziell umweltschonender produziert werden. Doch wenn es speziell um den Vitamingehalt geht, ist der Kauf von Bio-Produkten für die Nährstoffversorgung unserer Kinder nicht zwingend erforderlich. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass Bio-Produkte niedrigere Rückstände von Pestiziden aufweisen – was besonders für die Ernährung von Kindern als vorteilhaft gilt. [10]
Insbesondere bei verarbeiteten Lebensmitteln kann die Wahl von Bio wichtig sein, da diese oft mit weniger oder keinen künstlichen Zusatzstoffen hergestellt werden. Die strenge EU-Öko-Verordnung beschränkt die Zahl der erlaubten Zusatzstoffe erheblich [11], und bestimmte Zusatzstoffe in Lebensmitteln können negative Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern haben. [12]
Die richtige Balance macht den Unterschied
Zucker führt nicht automatisch zu Hyperaktivität, Fette sind nicht grundsätzlich schlecht, Bio-Gemüse bietet nicht zwangsläufig mehr Nährstoffe als konventionelles, und Obst ist wegen seines Zuckergehalts nicht per se schädlich – auch wenn es in Maßen genossen werden sollte.
Das Sprichwort „Die Dosis macht das Gift" trifft auch auf die Ernährung zu. Eine ausgewogene und vielfältige Ernährung, die alle notwendigen Makro- und Mikronährstoffe in angemessenen Mengen beinhaltet, ist entscheidend für die gesunde Entwicklung und das Wohlbefinden unserer Kinder.
Quellen
[1] Huynh, N. (2010). Does sugar really make children hyper? Yale Scientific Magazine. yalescientific.org
[2] Academy of Nutrition and Dietetics (2022). Sugar: Does it Really Cause Hyperactivity? eatright.org
[3] Müller, B. & Müller, P. (2023). Zuckerkonsum bei Kindern und Jugendlichen – Status Quo und Empfehlungen. Pädiatrie Schweiz. paediatrieschweiz.ch
[4] Harvard T.H. Chan School of Public Health (2016). Have low-fat diets made us fatter? hsph.harvard.edu
[5] NIH News in Health (2018). Weighing in on Dietary Fats. newsinhealth.nih.gov
[6] De Souza et al. (2015). Intake of saturated and trans unsaturated fatty acids and risk of all cause mortality, cardiovascular disease, and type 2 diabetes. The BMJ, h3978. doi.org/10.1136/bmj.h3978
[7] Taskinen et al. (2019). Dietary Fructose and the Metabolic Syndrome. Nutrients, 11(9), 1987. doi.org/10.3390/nu11091987
[8] Noble, D. (2023). Myths and truths about kids and fruit. Mayo Clinic Press. mcpress.mayoclinic.org
[9] Hickman, M. (2009). Organic food „no healthier than conventional". The Independent. independent.co.uk
[10] Glibowski, P. (2020). Organic food and health. Roczniki Państwowego Zakładu Higieny, 131–136. doi.org/10.32394/rpzh.2020.0110
[11] BVLK (o. D.). Bio-Lebensmittel: Welche Zusatzstoffe sind erlaubt? bvlk.de
[12] EFSA (2008). EFSA prüft Southampton-Studie zu Lebensmittelzusatzstoffen und Verhalten von Kindern. efsa.europa.eu
Über den Autor
Tim Klewin
Ernährungswissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
