
Erkennung und Umgang mit Lebensmittelallergien bei Kindern
Tim Klewin
Ernährungswissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
Etwa 5–8 % der Kinder leiden unter Lebensmittelallergien. Was ist der Unterschied zur Unverträglichkeit? Was tun nach der Diagnose? Und wie gestaltet man den Alltag sicherer? Wir geben dir praktische Tipps und den neuesten Stand der Forschung.
Veröffentlicht: 6. Juni 2024
Was ist der Unterschied zwischen einer Lebensmittelallergie und einer Lebensmittelunverträglichkeit?
Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten sind zwei verschiedene Reaktionen des Körpers auf bestimmte Lebensmittel. Eine Lebensmittelallergie ist eine immunologische Reaktion, bei der das Immunsystem bestimmte Proteine in Lebensmitteln als schädlich identifiziert und darauf reagiert – oft mit sofortigen Symptomen wie Hautausschlägen, Atemproblemen oder Verdauungsproblemen.
Am besten lässt sich der Unterschied am Beispiel Kuhmilch verdeutlichen: Eine Kuhmilchallergie ist eine immunologische Reaktion auf die Proteine in Kuhmilch. Laktoseintoleranz hingegen ist eine nicht-immunologische Verdauungsstörung, die durch einen Mangel an Laktase – dem Enzym zur Verdauung von Laktose – verursacht wird. Beide Zustände haben unterschiedliche Ursachen und Behandlungsansätze, was deutlich macht, wie wichtig eine korrekte Diagnose ist.
Wie verbreitet sind Lebensmittelallergien bei Kindern?
Lebensmittelallergien sind bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen. Etwa 5–8 % der Kinder leiden unter einer oder mehreren Lebensmittelallergien, während der Prozentsatz bei Erwachsenen bei etwa 2–3 % liegt. [1] Die Kuhmilchallergie zählt dabei zu den häufigsten Allergien bei Babys und Kleinkindern. Übrigens werden 90 % aller Lebensmittelallergien durch nur wenige Nahrungsmittel ausgelöst: Milch, Eier, Schalentiere, Fisch, Nüsse, Weizen, Sesam und Sojabohnen. [2]
Was tun, wenn dein Kind Symptome einer Lebensmittelallergie zeigt?
Bei Verdacht auf eine Lebensmittelallergie ist es entscheidend, einen Arzt hinzuzuziehen. Eine enge Zusammenarbeit mit Allergologen und Kinderärzten ist wichtig für die Diagnose und das Management. Ärzte können durch spezifische Tests wie Hauttests und Blutuntersuchungen Allergien präzise diagnostizieren. Basierend auf den Testergebnissen und der Krankengeschichte des Kindes erstellen die Ärzte individuelle Behandlungspläne. [3]
Worauf du nach der Diagnose achten musst
Es ist wichtig, Alternativen zu finden, um sicherzustellen, dass Kinder mit Lebensmittelallergien eine ausgewogene und nahrhafte Ernährung erhalten. Wenn bestimmte Lebensmittelgruppen ausgeschlossen werden müssen, kann dies zu Nährstoffdefiziten führen. Alternativen wie pflanzliche Milchprodukte, glutenfreie Getreide und eiweißreiche pflanzliche Lebensmittel können diese Lücken füllen. Zudem ermöglichen Alternativen den Kindern, an sozialen Aktivitäten wie Schulessen, Geburtstagsfeiern und Familienausflügen teilzunehmen, ohne das Risiko allergischer Reaktionen einzugehen.
Das Ernährungsmanagement sollte immer in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt geplant werden.
Darüber hinaus ist die sorgfältige Planung und Zubereitung von Mahlzeiten entscheidend. Erstelle einen wöchentlichen Mahlzeitenplan, der die speziellen Bedürfnisse deines Kindes berücksichtigt. Berücksichtige auch besondere Anlässe wie Geburtstagsfeiern oder Schulausflüge, bei denen allergenfreie Alternativen bereitgestellt werden müssen.
Die Zubereitung von Mahlzeiten zu Hause bietet die beste Kontrolle über die Inhaltsstoffe und die Möglichkeit, Kreuzkontaminationen zu vermeiden. Es ist hilfreich, dein Kind in die Essenszubereitung einzubeziehen – so lernt es, welche Zutaten sicher sind und wie man Lebensmittel sorgfältig auswählt.
Tipps für den Alltag
Der Alltag mit einem Kind, das an einer Lebensmittelallergie leidet, kann herausfordernd sein. Hier sind einige praktische Tipps:
Sichere Lebensmittel einkaufen: Nutze eine Einkaufsliste, die speziell auf die Allergien deines Kindes abgestimmt ist. Bevorzuge frische, unverarbeitete Produkte.
Lebensmittelkennzeichnungen lesen: Mach es zur Gewohnheit, immer die Zutatenliste und Warnhinweise zu lesen – selbst bei vertrauten Produkten, da sich Rezepturen ändern können.
Kreuzkontamination vermeiden: Verwende separate Küchenutensilien, Schneidebretter und Aufbewahrungsbehälter für allergenfreie Lebensmittel. Reinige Arbeitsflächen gründlich.
Einfache, sichere Rezepte: Entwickle eine Sammlung von bewährten, sicheren Rezepten, die deine Familie liebt. Das erleichtert die Planung und Zubereitung.
Schule und Kindergarten informieren: Stelle sicher, dass Erzieher, Lehrer und Betreuungspersonen über die Allergien deines Kindes und die notwendigen Maßnahmen im Notfall informiert sind. Ein schriftlicher Notfallplan kann hier sehr hilfreich sein.
Sichere Snacks bereitstellen: Gib deinem Kind sichere Snacks und Mahlzeiten mit. Sprich mit anderen Eltern und dem Schulpersonal über sichere Optionen bei Klassenfesten oder Ausflügen.
Ernährungs-Symptomtagebuch führen: Ein detailliertes Tagebuch kann bei der Diagnosestellung und Überwachung helfen. Es erfasst verzehrte Lebensmittel sowie besondere Ereignisse wie Geburtstagsfeiern, sportliche Aktivitäten und Medikamenteneinnahmen.
Allergene durch Zubereitung reduzieren: Bestimmte Allergene können durch Verarbeitungsprozesse wie Erhitzen, Zerkleinern oder Säuern reduziert oder zerstört werden – insbesondere bei vielen Obst- und Gemüsesorten. [4]
Der Alltag mit einem allergischen Kind erfordert besondere Aufmerksamkeit – dennoch ist es wichtig, optimistisch zu bleiben. Studien zeigen, dass etwa 80 % der Kinder Allergien gegen Milch, Ei, Soja und Weizen bis zum Alter von 6–7 Jahren überwinden. [5]
Neue Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass das frühe Einführen von Erdnüssen in die Ernährung von Babys das Risiko einer Erdnussallergie deutlich verringern kann. [6] Eine weitere vielversprechende Methode ist die orale Immuntherapie (OIT) – dabei wird das allergieauslösende Lebensmittel in kleinen, steigenden Mengen verabreicht, um eine Toleranz zu entwickeln. Diese sollte jedoch auf keinen Fall zu Hause ausprobiert werden und findet derzeit nur im Rahmen von klinischen Studien und unter strenger ärztlicher Aufsicht statt. [7]
Durch sorgfältige Planung, eine positive Einstellung und die Unterstützung durch Fachpersonal können die Herausforderungen von Lebensmittelallergien gemeistert werden. So kann dein Kind trotz Lebensmittelallergien ein gesundes, glückliches und normales Leben führen.
Quellen
[1] Cleveland Clinic (2023). Warning Label: The Big 9 of Food Allergens. health.clevelandclinic.org
[2] EUFIC (2013). Food Allergens – Allergic Reaction to Food. eufic.org
[3] Mayo Clinic (2023). Food allergy – Diagnosis and treatment. mayoclinic.org
[4] DAAB (o. D.). Therapie & Behandlung. daab.de
[5] Today's Dietitian (2013). Outgrowing food allergies – evidence shows multiple factors affect outcome. todaysdietitian.com
[6] Du Toit et al. (2024). Follow-up to Adolescence after Early Peanut Introduction for Allergy Prevention. NEJM Evid. doi.org/10.1056/EVIDoa2300311
[7] Hwang, D. W., Nagler, C. R. & Ciaccio, C. E. (2022). New and emerging concepts and therapies for the treatment of food allergy. Immunotherapy Advances, 2(1). doi.org/10.1093/immadv/ltac006
Über den Autor
Tim Klewin
Ernährungswissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
