
"Erst wenn du aufgegessen hast, gibt's was Süßes!" – Warum Essen als Belohnung problematisch ist
Tim Klewin
Ernährungswissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
Süßigkeiten als Belohnung funktioniert kurzfristig – aber langfristig lernen Kinder dadurch, Emotionen mit Essen zu kompensieren. Was hinter dem Belohnungshormon Dopamin steckt und welche gesunden Alternativen es gibt.
Veröffentlicht: Dezember 2024
„Den Nachtisch gibt's erst, wenn du den Teller aufgegessen hast." „Wenn du nachher brav bist, bekommst du ein Eis." „Erst wenn du das Gemüse aufgegessen hast, bekommst du ein Stück Schokolade."
Diese Sätze kennt sicherlich jeder aus seiner Kindheit – oder hat sie unbewusst schon zu seinen eigenen Kindern gesagt. Süßigkeiten als Belohnung einzusetzen erscheint erst einmal harmlos, und das funktioniert für eine gewisse Zeit wahrscheinlich ganz gut. Doch auf lange Sicht ist das kontraproduktiv für die kindliche Entwicklung: Süßes mit Belohnung und guter Leistung zu verbinden wird zur Gewohnheit, und Kinder lernen, dass Essen mit Emotionen verknüpft ist. Daraus kann sogenanntes Emotionales Essen entstehen – Kinder lernen, Langeweile, Stress und Frust mit Essen zu kompensieren.
Darum werden Süßigkeiten als Belohnung eingesetzt
Süßigkeiten als Belohnung zu nutzen ist eine weit verbreitete Erziehungsmethode, die viele Menschen unbewusst weitergeben. Beim Kinderarzt oder Zahnarzt gibt es für die Kleinen oft Gummibärchen nach der Behandlung. Erwünschtes Verhalten kann so kurzfristig gefördert werden, denn Zucker ist lecker und löst ein positives Gefühl aus – ein Kind, das sich weigert, sein Zimmer aufzuräumen, ist oft schneller überzeugt, wenn am Ende eine Belohnung wartet. [1]
Das Belohnungshormon Dopamin
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der im Gehirn eine wichtige Rolle im Bereich Belohnung und Motivation spielt. Gerade bei Kindern kann die Verbindung zwischen Essen und Dopamin bedeutsam sein. Bekommen Kinder für gutes Verhalten Süßigkeiten, verbindet das Gehirn das Essen automatisch mit Belohnung und positiven Gefühlen. Durch das wiederkehrende Erleben solcher Gefühle kann es passieren, dass sich Kinder ungesunde Essgewohnheiten aneignen, da sie ihre Gefühle mit Essen kompensieren und keine anderen Bewältigungsstrategien kennen. Kinder müssen lernen, ihre Gefühle auf gesunde Art und Weise zu regulieren, statt diese durch Essen zu unterdrücken. [2]
Negative Folgen
Wenn Kinder häufig mit Süßigkeiten belohnt werden, entsteht Emotionales Essen. Dadurch kann die Erwartungshaltung entstehen, dass nach etwas „Unangenehmen" – z. B. Hausaufgaben – etwas Leckeres als Belohnung folgt. Zuckerhaltige und fettige Lebensmittel werden als etwas „Besonderes" und „Gutes" abgespeichert und eine Vorliebe für Zucker und Fett entwickelt sich. Somit ist es schwieriger, gesunde Ernährungsgewohnheiten zu etablieren. [3]
Im späteren Leben kann es dazu führen, dass Kinder bei Stress, Traurigkeit oder aus Langeweile automatisch zu ungesunden Snacks greifen – einfach weil sie es so gelernt haben. [4] Emotionales Essen kann zum Teufelskreis werden, wenn negative Gefühle ständig durch Süßes kompensiert werden. Das steigert das Risiko von Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck oder Essstörungen.
Gesunde Alternativen zu Süßigkeiten als Belohnung
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, Kinder zu belohnen und dabei auf Süßes zu verzichten. Diese Alternativen fördern nicht nur ein gesundes Essverhalten, sondern auch die Bindung zu euch als Eltern – und nebenbei entwickeln eure Kinder positive Gewohnheiten.
Gemeinsame Aktivitäten: Kinder freuen sich mehr über gemeinsame Erlebnisse als über materielle Dinge. Wie wäre es mit einem Ausflug in den Park, einem Bastel- oder Spielnachmittag oder einem Besuch auf dem Spielplatz?
Lob und Anerkennung: Wertschätzung ist für Kinder sehr wichtig. Lobt eure Kinder, wenn sie ordentlich Hausaufgaben gemacht oder ihr Zimmer selbstständig aufgeräumt haben – Lob ist oftmals motivierender als materielle Dinge.
Kreative Belohnungen: Ein Stickerbuch mit passenden Stickern für erledigte Aufgaben, ein Stempel in einem Belohnungsheft oder ein Puzzle, das die Problemlösefähigkeit fördert.
Diese Art von Belohnungen fördern nicht nur ein gesundes Essverhalten, sondern auch das emotionale Wohlbefinden und die Entwicklung eurer Kinder auf verschiedene Art und Weise.
Fazit
Essen als Belohnung hat langfristig Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. Sie sollten von klein auf lernen, ihre Gefühle nicht mit Essen zu kompensieren, sondern andere Bewältigungsstrategien kennen und anwenden zu lernen. Ihr als Eltern spielt hierbei eine wichtige Vorbildrolle.
Süßigkeiten als Belohnung helfen nur kurzfristig – im späteren Leben können Kinder Schwierigkeiten haben, mit ihren Gefühlen umzugehen und Emotionales Essen, Übergewicht oder sogar eine Essstörung entwickeln. Gemeinsame Aktivitäten oder Lob sind die besseren Alternativen: Diese stärken nicht nur das emotionale Wohlbefinden eures Kindes, sondern auch die gemeinsame Bindung.
Quellen
[1] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (2024). Lebensmittel sind keine Erziehungsmittel. kindergesundheit-info.de
[2] Heimat Krankenkasse. (2024). Glückshormon Dopamin: Wie es wirkt und wie Sie es aktivieren können. heimat-krankenkasse.de
[3] Oberschwabenklinik. (2024). Süßigkeiten sollten nicht als Belohnung oder Trost eingesetzt werden. oberschwabenklinik.de
[4] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (2024). Lebensmittel sind keine Erziehungsmittel. kindergesundheit-info.de
Über den Autor
Tim Klewin
Ernährungswissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
