Was Hänschen nicht lernt... – Die Bedeutung koordinativer Fähigkeiten für die Entwicklung
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Was Hänschen nicht lernt... – Die Bedeutung koordinativer Fähigkeiten für die Entwicklung

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Sebastian Böhmer & Stephan Menzel

Sportwissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.

Lernt Hans wirklich nimmermehr, was Hänschen nicht gelernt? Koordinative Fähigkeiten wie Gleichgewicht, Reaktionsfähigkeit und Orientierungsvermögen sind weit mehr als Sportgeschick – sie fördern Kognition, Soziales und Gesundheit.

Veröffentlicht: 7. September 2023

Oder: Lernt Hans wirklich nimmermehr, was Hänschen nicht gelernt?

In der heutigen schnelllebigen Welt, in der Technologie und Bildschirme einen großen Teil der Freizeit von Kindern und Jugendlichen einnehmen, ist die Bedeutung körperlicher Aktivität nicht zu unterschätzen. Neben den offensichtlichen gesundheitlichen Vorteilen spielen koordinative Fähigkeiten eine entscheidende Rolle in der ganzheitlichen Entwicklung junger Menschen. Diese Fähigkeiten gehen über die reinen körperlichen Bewegungen hinaus und haben positive Auswirkungen auf kognitive, soziale und emotionale Bereiche.

Was sind koordinative Fähigkeiten?

Koordinative Fähigkeiten sind die Grundlage für die präzise Steuerung von Bewegungen und Handlungen. Sie beinhalten das Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen, Nervensystem und Muskulatur, um Bewegungen zielgerichtet und effizient auszuführen. Dazu gehören: Gleichgewicht, Reaktionsschnelligkeit, Rhythmusgefühl, räumliches Vorstellungsvermögen, Augen-Hand-Koordination und Differenzierungsfähigkeit – um hier nur einige zu nennen.

Wissenschaftler definieren sie als: „Die koordinativen Fähigkeiten werden als generelle, bewegungs- und sportartübergreifende Leistungsvoraussetzungen angesehen, die das Niveau wesentlicher Vorgänge bei der Steuerung und Regelung menschlicher Willkürbewegungen charakterisieren." (Roth 1982) [1]

Diese Fähigkeiten sind nicht nur im Sport wichtig, sondern beeinflussen auch alltägliche Aktivitäten wie das Schreiben, das Bedienen von Werkzeugen oder das Fahrradfahren.

Drei Beispiele aus der Praxis

Differenzierungsfähigkeit: Wie genau und ökonomisch wird eine Bewegung ausgeführt? Beispiel: präzises Passen eines Balls über unterschiedliche Entfernungen, wofür ein differenzierter Krafteinsatz nötig ist.

Orientierungsfähigkeit: Die Fähigkeit, sich selbst sowie die Lage von Mit- oder Gegenspielern, Hindernissen und Markierungen im Raum zu realisieren. Ein Basketballspieler muss wissen, wo er auf dem Feld steht, wie er zum Korb steht und wo seine Mit- und Gegenspieler sich befinden.

Reaktionsfähigkeit: Schnelligkeit und Genauigkeit der Reaktion auf äußere Reize – etwa das Stoppen eines Balls während eines Sportspiels.

Kinder trainieren Koordination auf Balancebrettern mit Trainerin

Kognitive Entwicklung

Die Entwicklung koordinativer Fähigkeiten geht Hand in Hand mit der kognitiven Entwicklung. Studien zeigen, dass körperliche Aktivitäten, die koordinative Fähigkeiten erfordern, die Vernetzung zwischen Gehirnzellen fördern. Durch die Herausforderung des Nervensystems bei komplexen Bewegungen werden neue neuronale Verbindungen gebildet, was sich positiv auf kognitive Flexibilität, Problemlösungsverhalten und räumliches Denken auswirken kann.

Kinder, die in jungen Jahren ihre koordinativen Fähigkeiten entwickeln, zeigen oft bessere schulische Leistungen und ein verbessertes Verständnis für mathematische und naturwissenschaftliche Konzepte. [2]

Soziale und emotionale Entwicklung

Das Erlernen koordinativer Fähigkeiten erfordert oft Teamarbeit, Kommunikation und soziale Interaktion. Beim gemeinsamen Training oder Spielen lernen Kinder, sich auszutauschen, gegenseitig zu unterstützen und Konflikte zu lösen. Dies fördert Empathie, Teamfähigkeit und Kommunikationsfähigkeit.

Darüber hinaus kann das Überwinden von Herausforderungen das Selbstvertrauen stärken und ein positives Selbstbild fördern. Kinder entwickeln ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, wenn sie Fortschritte in ihren Bewegungsfähigkeiten sehen.

Gesundheitsvorteile

Ein gutes Gleichgewichtsgefühl kann Stürze und Verletzungen reduzieren, während eine verbesserte Reaktionsschnelligkeit dazu beiträgt, Unfälle zu vermeiden. Kinder, die regelmäßig ihre koordinativen Fähigkeiten trainieren, entwickeln eine stabile Muskulatur, eine bessere Körperhaltung und ein gesundes Herz-Kreislauf-System.

Hinsichtlich der kindlichen Entwicklung spielt die Vermittlung einer breiten Grundlagenausbildung der koordinativen Fähigkeiten eine tragende Rolle – sie bildet die Basis für die motorische Intelligenz, die Begabung und das Talent von Kindern und Jugendlichen. [3]

Fazit

Die Koordinationsschulung als „Training der Trainierbarkeit" (Roth) ist ein wichtiger Inhalt besonders für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In Abhängigkeit der individuellen Entwicklungsphasen kann es zu großen Unterschieden in der Ausprägung koordinativer Fähigkeiten kommen – deren Erlernen ist während der gesamten Lebensphase jedoch stets ein lohnender Prozess.

So bleibt die Erkenntnis: Hänschen lernt zwar schneller, doch auch Hans kann bis ins hohe Alter seine koordinativen Fähigkeiten lohnend trainieren – um fit und gesund zu bleiben und den motorischen Herausforderungen des Alltags souverän zu begegnen.


Quellen

[1] Roth, K. (2003). Wie verbessert man koordinative Fähigkeiten. In Bielefelder Sportpädagogen (Hrsg.), Methoden im Sportunterricht (4. Aufl., S. 85–102). Hofmann.

[2] Payr, A. (2011). Der Zusammenhang zwischen der motorischen und kognitiven Entwicklung im Kindesalter: eine Metaanalyse. (Dissertation)

[3] Meinel, K. & Schnabel, G. (1987). Bewegungslehre – Sportmotorik. Berlin.

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Über den Autor

Sebastian Böhmer & Stephan Menzel

Sportwissenschaftler, Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.

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