
Die Bedeutung von Sport für Kinder und Jugendliche mit ADHS
Jan Reimann
Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
Sport verbessert kognitive und motorische Fähigkeiten, reduziert Impulsivität und fördert soziale Kompetenzen bei Kindern mit ADHS. Was die Forschung zeigt und wie Eltern Sport sinnvoll in den Alltag integrieren können.
Veröffentlicht: November 2024
Unaufmerksamkeit. Hyperaktivität. Impulsivität.
Manchen Eltern sind diese Symptome mehr als bekannt. Sie sind die Leitsymptome der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – einer häufigen Erkrankung im Kindes- und Jugendalter, die vor allem die kognitiven Fähigkeiten betrifft, die gebraucht werden, um Verhalten zu kontrollieren und zu regulieren.
Beeinträchtigungen zeigen sich beim Planen von Aktivitäten, beim Treffen von Entscheidungen, beim Verwerten von Feedback sowie in einer Einschränkung des Arbeitsgedächtnisses und der mentalen Flexibilität. Außerdem treten häufig gravierende Defizite im Bereich der motorischen Fähigkeiten auf. [1]
Während manche Betroffene kaum etwas davon merken, kämpfen andere mit starken Beeinträchtigungen in Schule und sozialem Umfeld.
„Ich habe mich ein Leben lang dafür verurteilt, dass ich viele Sachen, die andere super hinkriegen, überhaupt nicht hinkriege."
— Angelina Köhler (23), Weltmeisterin und Vierte der Olympischen Spiele 2024 über 100 m Schmetterling – bekam ihre ADHS-Diagnose erst vor eineinhalb Jahren
Sport verbessert kognitive und motorische Fähigkeiten
In den letzten Jahren wurde in Studien untersucht, ob Sport und körperliche Aktivität die Symptome von ADHS verbessern können. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Sportart oder Art der Bewegung scheint dabei keine Rolle zu spielen – positive Effekte konnten durch verschiedenste Bewegungsformen erzielt werden.
Auf neurophysiologischer Ebene wurden folgende Verbesserungen aufgezeigt:
- Impulsivität und Aggressivität nahmen ab
- Aufmerksamkeit und Konzentration verbesserten sich
- Gedächtnisleistung stieg
- Schulische Leistungen verbesserten sich
Auch motorische Veränderungen waren messbar: bessere Koordination, mehr Ausdauer und mehr Kraft. Zudem verbesserte sich der Umgang mit anderen Menschen, die Kinder waren weniger ängstlich, weniger depressiv und zeigten insgesamt weniger soziale Probleme. [1]
Kurz, intensiv und im Grünen
Sportwissenschaftler der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf fanden heraus, dass Hochintensives Intervalltraining (HIIT) sich besonders positiv auf den Selbstwert, die Beziehungen zu Freunden, das Kompetenzgefühl und das subjektive Empfinden von Aufmerksamkeit auswirkt.
„Unsere Untersuchung zeigte, dass HIIT von Kindern mit ADHS gut toleriert wird. Bei einer Herzfrequenz von 95 Prozent der maximalen Herzfrequenz und einem Wechsel von vier Minuten Belastung und vier Minuten Regeneration stellten sich die Effekte ein."
— Prof. Dr. Friederike Meßler, Sportwissenschaftlerin, Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Für Kinder sind kurze, hochintensive Belastungen eine natürliche und spaßige Art der Bewegung – während HIIT für Erwachsene eher Überwindung erfordert.
Outdoor schlägt Indoor: Beim Vergleich zwischen Indoor- und Outdoor-Sportaktivitäten bewerteten Kinder und Eltern die Lebensqualität nach dem Outdoorprogramm am höchsten. 2x wöchentliches moderates Training von 90 Minuten im Freien führte zudem zu einem Anstieg weiterer Freizeitaktivitäten – ein Hinweis auf verbesserte soziale Kompetenz. [2]
Integration in den Alltag
Für Kinder mit ausgeprägter ADHS-Symptomatik braucht es oft qualifizierte Betreuer, um bei Emotionskontrolle und Frustrationstoleranz zu helfen. Im Vereins- oder Schulsport kann dies nur bedingt gegeben sein.
„Mein Wunsch wären Sportgruppen für psychisch beeinträchtigte oder auffällige Kinder und Jugendliche. Denn dort fühlen sie sich häufig gut aufgehoben, weil sie wissen, dass jedes Kind aus einem bestimmten Grund dabei ist."
— Prof. Dr. Friederike Meßler
Tipps für die Umsetzung
Die Umsetzung gelingt am besten mit diesen Prinzipien:
- Klein anfangen und langsam steigern
- Regelmäßigkeit ist (für den Start) wichtiger als Intensität
- Sport soll Spaß machen – kein Zwang
- Erfolge loben und positiv verstärken
Morgenroutine: 5–10 Minuten Bewegungsspiele vor der Schule, Schulweg wenn möglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad, kleine Bewegungspausen beim Anziehen (z. B. Hampelmänner).
In der Schule: Mit Lehrern kurze Bewegungspausen absprechen, in den Pausen aktiv spielen, Teilnahme an Sport-AGs.
Nachmittags: Hausaufgaben in Blöcken mit Bewegungspausen, regelmäßiges Training im Sportverein, aktive Freizeitgestaltung im Freien.
Weiterführende Informationen zu ADHS und Sport: adhs-deutschland.de
Fazit
Die Integration verschiedener Sport- und Bewegungsformen in den Alltag kann zur Verbesserung der Haupt- und Begleiterscheinungen einer ADHS-Erkrankung im Kindesalter beitragen. Es wird daher empfohlen, dass Eltern bereits frühzeitig damit beginnen, Sport regelmäßig in den Alltag ihrer Kinder zu integrieren. Diese Tipps gelten natürlich auch für Kinder ohne ADHS.
Quellen
[1] Hutterer, C. (2024). Die Bedeutung von Sport für Kinder und Jugendliche mit ADHS. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin. zeitschrift-sportmedizin.de
[2] Ziereis, S. Sport verbessert kognitive Fähigkeiten von Kindern mit ADHS. ADHS Deutschland e.V. adhs-deutschland.de
Über den Autor
Jan Reimann
Experten Allianz Sport, Kinder- und Jugendtraining e.V.
